ARMIN SCHREIBER
KUNST-PATERNOSTER
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Astrid Brandt: Kammerspiele mit Möbeln
     

Was besagt diese Formulierung? Eines vor allem: dass wir es hier nicht mit der Darstellung zufälliger Schnappschüsse aus unserer alltäglichen – gegenwärtigen oder vergangenen – Wohnwelt zu tun haben, sondern mit einer diskreten Inszenierung, in der Möbel und andere Gebrauchsgegenstände die Hauptrolle spielen, Menschen dagegen, die Hersteller, Besitzer oder Benutzer der Objekte,  ausdrücklich und auf allen Bildern fehlen; fehlen, als wären sie, wie auch immer, abhanden gekommen.

Astrid Brandt Rosarium

Rosarium,1991 

Und was wird gespielt? Man benötigt eigentlich keine besonderen Kenntnisse, um etwas von dieser Aufführung zu verstehen. Es reichen ein, zwei Erinnerungen, die man sich vergegenwärtigen müsste. Eine davon könnte z.B. die sein: Nach drei Wochen Urlaub kommen Sie abends in Ihre Wohnung zurück. Sie öffnen die Wohnzimmertür. Sie schalten das Licht an und Ihr Blick fällt auf Stühle, Sessel, Tisch und Sofa und Sie registrieren eine merkwürdige, kurz anhaltende Verblüffung: Ist mit den Möbeln etwas geschehen, haben sie – in den drei Wochen außer Funktion – ihr Aussehen, genauer, ihr Fluidum verändert, das spürbar den Raum füllt?

 Vergleichbares kann Ihnen widerfahren, wenn Sie durch die Fensterscheiben einer Kneipe am Ruhetag oder in eine Sparkasse um 18.00 Uhr kucken: eine nur Sekunden dauernde Verwunderung nämlich angesichts allzu bekannter Gegenstände, die Ihnen hier merkwürdig fremd erscheinen, als stünden sie nicht in der Realität einer automatisierten Wahrnehmung, sondern in einer traumähnlichen Situation.

 Astrid Brandt Der unsichtbare Dritte

Der unsichtbare Dritte, 1995

In der Regel dominiert ja bei solchen Begegnungen die pragmatische Perspektive, denn unsere Gehirnwindungen sind vollgestopft mit schnell abrufbaren, rationalen, der Lebenspraxis verpflichteten Erklärungsmustern, mit deren Hilfe der funktionale Aspekt wieder in den Vordergrund rückt.

Dingwahrnehmungen der – sozusagen – anderen Art, Minimal-Verzauberungen, die ergeben sich meist nur dann, wenn man leicht ermüdet oder gedankenverloren seine Blicke schweifen lässt – wie eben angesichts der Kneipe am Ruhetag: Und sie dauern oft nur Sekunden, ja, Bruchteile von Sekunden.

Für den Fall also, meine Damen und Herren, dass Sie sich an solche oder ähnliche Situationen erinnern können, dürften Ihnen die Bilder der Astrid Brandt geradezu entgegen kommen. Denn genau solche Situationen hält sie fest. Ihre Objekte scheinen einzig aufgebaut, um hier jenen in der Norm-Realität meist kurzlebigen Moment ihrer geheimnisvollen Verwandlung zu dehnen.

Ein Mann auf dem Sofa, ein Kind auf dem Stuhl: sie würden einen Großteil des Interesses von den Dingen ab – und auf sich ziehen, zudem die Gegenstände wieder funktionalisieren, entzaubern sozusagen. 

                                                                       

 

Astrid Brandt Nonpareille

Nonpareille, 1999

Hier sind die Dinge unter sich! Und genau deshalb erzwingen sie nachdrücklich, dass man registriert, wie sie vor-, neben- und hintereinander stehen, wie Durchblicke, Überschneidungen, Abstände auffällig werden, und dass diese gereinigten (man glaubt das Putzmittel zu riechen) menschenleeren Räume einen permanenten atmosphärischen Druck ausüben, den der Betrachter spürt. Zugleich treten auch die Gegenstände selbst mit besonderer Eindringlichkeit hervor, als seien sie mit einer spezifischen Anwesenheits-Energie ausgestattet. Sie scheinen einander dabei zu helfen, ihre jeweils besondere Gestalt nachdrücklich zu präsentieren, ihre Geschichte zu vermitteln, ihr „So-Sein“, ihre Holz-, Textil-, Plastikseele zu offenbaren.

 Astrid Brandt Capri

Capri, 1999

 

Die Bildtitel, die Astrid Brandt ihren Arbeiten mit auf den Weg gibt, bieten – bei allem Witz, bei aller obwaltenden Ironie, Spekulation oder Kalauerei – diesem Gedankengang ein Geländer: Wenn sie etwa die Darstellung einer höchst rechtwinkligen Hotelzimmerecke aus den 20er Jahren mit „Nonpareille“ betitelt, was mein Fremdwörterduden mit „Liebesperle“ bzw. „leichtes Wollgewebe“ übersetzt oder den Blick auf einen metallischen Tischbesen plus Kehrblech schlicht „Capri“ nennt, wo, wie Sie wissen, die rote Sonne im Meer versinkt, dann – im Verbund mit den im Bild wirkenden Gestaltungsmitteln – befördert dies die Verflüchtigung jener zweckorientierten Vorstellung, der zufolge „Sofa ist, worauf man sitzt!“.

 

Astrid Brandt Pumpernickel

Panorama di Prerow, 1998

Sofa, Stuhl, Tisch, Teppich; Pfeffermühle und Pumpernickel etc. wären dann etwas anderes: die Produzenten jenes besonderen Fluidums, das die erwähnte Verzauberung auslöst!

     
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