ARMIN SCHREIBER
KUNST-PATERNOSTER
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Fritz Koch: Weltbild im Maisfeld
 
Fritz Koch Maisfeld 1980/87 
 
"Maisfeld", Graphit, 51,6 x 71,8 cm, 1980/87
 

Meinen Anmerkungen zu Fritz Koch möchte ich drei Kurzinformationen vorausschicken:

1. Wenn man die Tür zu seinem Atelier öffnet, fällt der Blick nicht auf Zeichnungen und Bilder, sondern – und das war bei meinem ersten Besuch schon überraschend    auf ein ziemlich opulentes, aus Snare- und Base Drum, High Head, Right Cymbal, Crash, Cowbell und zwei Toms bestehendem Schlagzeug. – Vielleicht, so könnte man denken, eine Reminiszenz an vergangene Pubertätsträume? Nein, durchaus nicht! Das Aggregat ist nach wie vor in Betrieb, und zur Zeit interessieren ihn verschiedenartige, gleichzeitig ablaufende Rhythmen, sogenannte polyrhythmische patterns.

2. Im Spätsommer Jahres 2003 war ich mit Fritz Koch auf einer Bergtour in Graubünden. Dabei zeigte er sich als höchst eigenwilliger Mitwanderer. Keine Begeisterungsrufe während des morgendlichen Aufstiegs; keine Reaktion auf schöne An- und Aussichten; Enzian, Almrausch, Mücken-Handwurz, die Highlights der Alpenflora: auch die keiner Erwähnung wert! Dann aber, zwei-, dreihundert Meter über der Baumgrenze, angesichts  grüngrauschwarzer Schutthalden, Steinschlagrinnen und zerklüfteter Felsformationen, deren Risse, Verschiebungen, Spalten und Falten – ich gebe es ja zu –  sensationelle Texturen und Musterungen, also visualisierte Rhythmen aufwiesen, da geriet er in Stimmung, d.h., – Stativ immer dabei –: er fotografierte.

3. Auf der Suche nach einem seine Kunst betreffenden Schlüsselerlebnis, nach frühen Prägungen also oder anders gesagt: nach entscheidenden Momenten, in denen sich – mit Dürer gesprochen – die „inwendige figur“ konstituiert, deren Materialisierung, Objektivierung später Ziel künstlerischer Anstrengung wird, stößt man auf entscheidende Anhaltspunkte bereits in der frühen Kindheit, die Fritz Koch auf einem Bauernhof in Schwarmstedt nahe der Leine verlebte. Die alljährlichen Überflutungen im Vorfrühling mit weggeschwemmten Misthaufen, vergammelten Rüben auf morastigen Feldern, mit nassen Füssen in vollgelaufenen Gummistiefeln, Kleintierkadavern, die im Gestrüpp und an Zäumen hängen bleiben, wenn das Wasser zurückweicht, aber auch die Arbeit, die Mithilfe beim Rübenverziehen, Kartoffeln sortieren etc., das frühe Eingebundensein kurzum in die elementaren Vorgänge vom Säen bis zur Ernte, wie sie – völlig unsentimental – in einer Agrarlandschaft ablaufen: dies alles und zunächst aus Kinderkopfhöhe wahrgenommen, scheint bei ihm bis heute nachzuwirken.

Mais, Kartoffeln, Runkelrüben! Daß sich Fritz Koch mit solchen Sujets auseinandersetzt, seine Bildgegenstände – als würde er beim Zeichnen in der Furche liegen – aus allernächster Nähe erfasst und dabei Details aufnimmt, die nie zuvor in solcher Präzision dargestellt wurden, hängt zweifellos mit dieser früh begründeten Affinität zusammen.

 

Koch Landschaft seiner Kindheit

 

Schwarmstedt nahe der Aller: Landschaft seiner Kindheit 

 

Über Kindheitserinnerungen sprechend, berichtet Koch von einem flachen sumpfigen Tümpel, der

 sich in seinem Bewusstsein eine gewisse Leuchtkraft erhalten hat. Dieses kleine Gewässer – man kennt die akustisch-visuellen Reize solcher Örtlichkeiten –  ist von ihm als eine Situation erlebt worden, „wo die Dinge“, so hat es Jean Liedloff formuliert, „waren, wie sie sein sollten“, wo eine tief empfundene Übereinstimmung bestand: „Ich habe nie versucht“, so Koch, „diesen Ort gewissermaßen zu porträtieren. Dennoch glaube ich, daß meine Zeichnungen sich in sehr spezifischer Weise zu dieser frühen Prägung verhalten. Sie zieht sich leitmotivisch durch meine gesamte Arbeit.“

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Fritz Koch Keimende Kartoffeln

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"Keimende Kartoffeln", 1991

Das Realisieren also polyrhythmischer Muster via Schlagzeug, das Fotografieren ausschließlich bestimmter, vielfältig gegliederter Texturen, das Idolisieren eines Tümpels als des Künstlers Kinderstube sozusagen: mit diesen biografischen Momentaufnahmen möchte ich andeuten, daß eine besondere Affinität zu komplexen rhythmischen Strukturen besteht, um die es natürlich auch und selbstverständlich in Kochs Zeichnungen geht, an denen er Monate lang, bei größeren Formaten über Jahre hinweg arbeitet. Die minutiöse Darstellung zielt also nicht auf

Fritz Koch Hohenesch, Ausschnitt

"Hohenesch", 1992 (Ausschnitt)

hypertrophierte Kartoffel- und Maisstauden-Mimesis, auf moderne Mopsverdoppelung, hat nichts zu tun mit den perfekt welkenden Tulpen niederländischer Vanitas-Stillleben, zielt ebenso wenig in Richtung Oelze gehende Bilderfindungen, sondern dient dem Versuch, solche Strukturen bis in allerfeinste Verzweigungen aufzudecken und zum Vorschein zu bringen, d.h., jener Kongruenz nachzuspüren, sie – via Kunst – zu reaktivieren bzw. herzustellen.

Fritz Koch Boviste

"Boviste", 2001

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb er sich vor allem mit der Metamorphose verrottender Pflanzen und Tierkadaver beschäftigt. Die verschiedenen Stadien nämlich, die Kartoffeln, Runkelrüben oder Boviste bis zum Zerfall in ihr materielles Substrat durchlaufen, bieten fortgesetzt filigraner werdende Abwandlungen jener Strukturen, die bei ihm diese ganz besonderen Resonanzen auslösen. Zunehmend stärker geht er dabei über das hinaus, was ihm Kraut und Rüben an Gestaltungsvorschlägen anbieten. Er integriert eigene Formerfindungen, so daß Bilder einer quasi verwandtschaftlichen Beziehung entstehen, wobei ich ausdrücklich auf Ludwig Tieck und sein poetisches Statement „Blumen sind uns nah befreundet, Pflanzen unserm Blut verwandt...“ verweisen möchte. Es sind Bilder, die, wie es Astrid Brandt formulierte, „Momente des Glücks“ evozieren können – wie Musik, die uns besonders nahe geht. Koch selbst spricht in dem Zusammenhang von glücklichen Augenblicken der Kongruenz, die sich einstellen, wenn im Zuge der Arbeit erste Details seiner minutiös gezeichneten Grafit-Landschaften Gestalt annehmen.

Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, daß die verwandtschaftlichen Beziehungen ziemlich weit reichen. Zudem zeigt sich, daß wir es hier mit modernsten Naturbildern zu tun haben. Ein paar Beispiele: Sie stehen, meine Damen und Herren, vor der Kochschen „Agrarlandschaft“ und durch

 


Fritz Koch Landschaft Kartoffeln 1990/91

 "Landschaft (Kartoffeln)", 1990/91

 

die Art der Gestaltung werden Ihnen darüber hinaus, wie aus weiter Entfernung fixiert – Stichwort „Satellit“ – landschaftliche Großereignisse gezeigt: ausbrechende Vulkane, aufgetürmte Wellen im Moment des Überschlags, Wüsten oder Schwemmland, das in Dürre erstarrt. Oder Sie betrachten das „Maisfeld“, die von Sand überwehten Gesteinsaufwürfe, die zu dunklen Mulden ausgetrockneten Pfützen, die Reflexe auf eingeschlossenen Kieseln und Sie haben zugleich – als sähen Sie durchs Mikroskop – Zusammenballungen von Bakterien vor Augen. Die Darstellung schließlich des Abplatzens feiner Knochensplitter evoziert zwei höchst unterschiedliche Vorstellungen: „Sonnen-Protuberanzen“ die eine, „Zellteilung“, die andere. D.h., es ergeben sich Verbindungen zu Bildern und Modellen, wie sie von Molekular-Biologen oder, einen Schritt weiter, von Atom-Physikern erstellt werden, und zugleich meint man, durch Superteleskope sehend den „Ozean der Sürme“, den „Tarantel“- oder „Krebsnebel“ zu erkennen: Angesiedelt sind die Sujets – was auch in den Titeln zum Ausdruck kommt – im Mesokosmos, in der für uns (mit „unbewaffneten Auge“) sichtbaren Welt. Zugleich ergeben sich über die Form der Darstellung Verknüpfungen zu Modellvorstellungen, die moderne Naturwissenschaftler über Mikro- und Makrokosmos entwickelt haben.

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Fritz Koch Digitalis Prpurea 1994

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"Digitalis purpurea", 1994

 

Weltbild im Maisfeld: Die Arbeiten der 80er und 90er Jahre zeigen – abgesehen von der spektakulären Eins-zu-eins-Darstellung einer vertrockneten Königskerze und weiteren Einzelobjekten (Fuchskadaver, Roter Fingerhut kurz vor der Blüte, Kürbis kurz vor der Ernte) – primär landwirtschaftliche Areale in herbstlichen Zustand, also mit Maisstrünken, Kartoffelkraut und Runkelrüben.

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Fritz Koch Cucurbita

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"Cucurbita", 2008

 

In den neueren Bildern kommt das oben erwähnte Leitbild, der flache sumpfige Tümpel, wesentlich stärker, vor allem direkter zum Vorschein. Das zeigt sich andeutungsweise in Monte Canareddu, (Macchia-Areal nach einem Brand) aus 2012/13, klarer noch, geradezu ins Auge springend, bei der momentan in Arbeit befindlichen großformatigen (117 x 120 cm) Zeichnung Tunguska. (In Sibirien, in unmittelbarer Nähe des Flusses „Steinige Tunguska“, ereignete sich 1908 eine gewaltige Explosion, bei der auf einem Gebiet von über 2000 km² rund 60 Millionen Bäume umgeknickt wurden, deren Ursache aber nach wie vor ungeklärt ist).
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Fritz Koch Tunguska 2015 (Ausschnitt)

 

"Tunguska", 2015 (Ausschnitt)

 

Der gemeinsame Nenner? Monte Canareddu und Tunguska – hier wird die Verbindung zu Kochs künstlerischer Kinderstube offensichtlich – weisen keinerlei Anhaltspunkte für menschliches Eingreifen auf. Man spürt: Organische und anorganische Natur sind unter sich. Dabei werden die einzelnen Pflanzen, Erlen, Sumpfgräser, Schilfrohr als vegetative Individuen sichtbar, zeigen sich in dezenter, geheimnisumwitterter melancholischer Anmut. Sind aber im gleichen Moment – miteinander verwoben, symbiotisch vernetzt – prägende  Elemente einer Landschaft, die – versetzt in einen quasi prähistorischen Zustand – uns der Natur, auch der eigenen Natur um einiges näherbringt, näher zumindest, als das durch den Konsum von Dinkel-Buchweizen-Bio-Brot gelingt.
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Fritz Koch Flußufer (Ausschnitt, noch in Arbeit)

 

"Terrain Vague", (Ausschnitt)
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Schlußbemerkung: Der nur noch in Terabytes zu messende Zuwachs an Datenmaterial über die Natur scheint das in ihr gesuchte Erlebnis, sich die Gefühle bzw. Vorstellungen des Abgetrennt-Seins von der Welt durch Fauna, Flora, Wind und Wetter wenigstens kurzfristig vertreiben zu lassen, kaum noch möglich. Was uns aber – früher oder später – aus der Bredouille helfen könnte, ist die Verknüpfung von ästhetisch-emotionaler Einsicht und wissenschaftlicher Erkenntnis. In Kochs Arbeiten deutet sich eine solche Synthese an.

 

Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein. Aber hier riskiere ich einen: Was die Originale zeigen, die verpixelten Abbildungen seiner Grafit-Landschaften jedoch allenfalls andeuten: Unter den Außenseitern der Kunstszene ist Fritz Koch groß- und einzigartig!
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Einführung in die Ausstellung im „Kubus“, Hannover (2004) + Ergänzungen (2015)

 
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