ARMIN SCHREIBER
KUNST-PATERNOSTER
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Vermeer Bei der Kupplerin

Kommerzielles Verkuppeln als "Unehrliche Kunst": Jan Vermeer, "Bei der Kupplerin", 1656

Longhi Der Apotheker

Arbeit des Apothekers: "Hinzufügende Kunst",
Pietro Longhi, "Der Apotheker", 1752

Roger M.Buergel und Ruth Noack

Kuratoren der documenta 12: Roger M. Buergel und Ruth Noack

 

Mai-Abend 2005, voller Saal und plötzlich steht diese Frage im Raum, genauer gesagt, in den Räumlichkeiten des Hamburger Kunstvereins, implantiert dortselbst von Roger M. Buergel, dem Leiter und Chefkurator der bevorstehenden documenta. In einer irritierenden Mixtur aus Sach- und Selbstreflexion erläutert er, was eine Ausstellung sei. Kehrt dabei, wie weiland der junge Werther, sein Inneres nach außen, als sollte seine Performance vor allem den veränderten Status des Ausstellungsmachers imaginieren: Hier, verehrtes Publikum, figuriert auch ein Kurator, vor allem aber ein Künstler!

Mit Blick auf Joseph Beuys kein Problem: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, also auch der Kurator! Und wenn – zweites Argument –  das 17. Jahrhundert neben der Malerei, die als Ehrliche Kunst galt, die Arbeit der Apotheker als Hinzufügende Kunst, die der Bademeister als Vermindernde Kunst, das kommerzielle Verkuppeln als Unehrliche Kunst und das Hüten von Schafen, Schweinen, Kühen etc. als Notwendige Kunst bezeichnete, warum sollte dann nicht das 21. Jahrhundert von der Kunst des Kurators sprechen dürfen, wobei man sich über ein passendes Attribut sicherlich einigen könnte.

Weitaus schwieriger dürfte sein, eine konsensfähige Kunst-Definition zu fabrizieren, um die man hier aber wohl nicht herumkommt. Ich versuche es mit Hilfe von Herrn Johanson, einem der Protagonisten in Schätzings Thriller Der Schwarm: Wo befindet sich Johanson, wenn er, wie er sagt, stundenlang vor den Bildern van Goghs steht? In einem alternativen, eventuell utopischen Kosmos, der via Kunst entsteht! Von Künstlern geformt aus intuitiven, dem Diskurs nicht zugänglichen Erfahrungen; aus ästhetischen, der kindlichen Sicht vergleichbaren Momenten, in denen Welt und wahrnehmendes Subjekt – so die landläufige Diktion – verschmelzen: Voraussetzung offenbar für jene spezifische Emotion, die Johanson als „Frieden in sich“ bezeichnet, die ansonsten auch als Glücks- oder Evidenz-Erlebnis firmiert.

Kuratoren obliegt die Pflege dieses Universums. Sie können exorbitant sein, d.h., Originäres aufspüren oder verschüttete Zugänge zu Alten Meistern freilegen etc. und mittels kluger Präsentation der Öffentlichkeit nahebringen. Sie können andererseits den Diskurs vorantreiben, will sagen: die Markise z.B. einer Pizza-Bäckerei, montiert am Eingang des Museums, zur Kunst deklarieren (wegen des Hinweises, versteht sich, auf „den kommerziellen Kontext“!). Sie können –  nein, müssen – ästhetischen Sinn, Kreativität, ja, Genialität besitzen, um über gegenwartsbezogene, suggestive Ausstellungs-Inszenierungen in immer neuen Varianten für den Aufenthalt in jenem Paralleluniversum zu werben, aber: Sie stellen dieses Universum nicht her.

Trost einstweilen, solange wenigstens, wie die neu etablierte Institution „Public Curatorship“ noch in den Kinderschuhen steckt: „Curatet by....“ signalisiert Deutungskompetenz und strahlt viel mehr Schmiß, Flair, Fluidum ab heutzutage als die Aufzählung der beteiligten Künstler!

 

Erschienen in Konkret 2/2007

     
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